50’er

Chronik           90ér              80ér             70ér                 60ér                      50ér


Am Anfang war der Hönsch

Die Gründung der Christlichen Pfadfinderschaft in Oldenburg

Alles begann mit dem Umzug des 15-jährigen Gerhard Hönsch, der zusammen mit seiner Familie im Frühjahr 1951 nach Oldenburg kam. In seiner Heimatstadt Springe am Deister hatte er die Pfadfinder der CP bereits vor drei Jahren kennen gelernt, fuhr mit ihnen auf Fahrten und besuchte die Gruppenstunden. In Oldenburg gab es keine vergleichbare Gruppe und so wuchs der Wunsch, die evangelische Pfadfinderei auch hier zum Leben zu erwecken und etwas Eigenes aufzubauen. Doch wie sollte man anfangen? Wo sollte man sich treffen? Wie sollte man Leute werben? An einem kalten Winternachmittag machte sich Gerhard Hönsch, in seinen Lodenmantel gehüllt, auf den Weg zum Landejugendpastor Orth, klingelte an der Tür und teilte ihm mit, er wolle CP-Arbeit in Oldenburg machen. Bei Gerhart Orth war er seit einiger Zeit in einer Gruppe der evangelischen Jugend und wusste, dass dieser ihm helfen könne. Pastor Orth war begeistert und sicherte seine Unterstützung zu. Von der Kirche wurde die CP-Arbeit durch Gelder gefördert. Im Haus der Jugend der Stadt Oldenburg in der Huntestraße, das damals von vielen verschiedenen Jugendgruppen genutzt wurde, unter anderem von den katholischen Pfadfindern der DPSG und dem CVJM, stand ein Raum zur Verfügung. Hier sollten die wöchentlichen Gruppenstunden stattfinden. Eine Gruppe war auch bald zusammengestellt, denn Gerhards Vater, der damals Rektor der Mittelschule in der Margarethenstraße war, konnte einige Jungen aus seiner Schule für die neue Pfadfindergruppe seines Sohnes begeistern. Auch in Kirchenkreisen und bei Schulkameraden von Gerhard Hönsch sprach sich die Nachricht schnell herum und so kam eine bunt gemischte Truppe aus den verschiedensten Familien zusammen, alle mit einer Portion Abenteuerlust und Neugierde ausgestattet. In den Gruppenstunden lernte man sich schnell kennen. Gerhard Hönsch gab den Rahmen vor und bereitete die Treffen in der Huntestraße vor, wie er es in Springe kennen gelernt hatte. An den Anfang einer Gruppenstunde gehörte ein Gebet, dann wurden Knoten geübt oder andere Dinge vermittelt, die man als Pfadfinder können musste, um aufgenommen zu werden. Die Jungen waren erst kurze Zeit dabei, da ging es auch schon auf die erste Fahrt, eine Fahrradtour in der näheren Umgebung von Oldenburg. Zwar war die Gruppe noch kein Stamm, sondern eine Siedlung, aber dennoch zählten die Oldenburger von Anfang an zu der Landesmark Niedersachsen, bei deren Treffen und Fahrten die „Neuen“ nie fehlten. Hier kamen Gerhard Hönsch die Kontakte in Hannover zu Gute, die er während seiner Zeit in Springe zu Pfadfindern der Landesmark bereits geknüpft hatte.

Der Grundstein war gelegt, die Pfadfinderarbeit hatte Fuß gefasst und konnte beginnen!

Oldenburg 2003, Gesa Neugebauer

Dir singen wir hell unser Lied

Christliches in den 50er Jahren

Womit begann eine Gruppenstunde in den 50er Jahren?

Mit einem Gebet und der Tageslosung, die der Gruppenführer vorlas. Dies war die Einleitung, der Start in den Gruppenabend. Erst dann begannen die Spiele, das Knotenlernen und die Vorbereitungen für die nächste Pfadfinderprobe. Dieses Gebet am Anfang gehörte als fester Bestandteil dazu und war nicht aus den Gruppenstunden wegzudenken. Ebenso das Vaterunser in der Abschlussrunde, auf das jedes Mal das Lied „Jesus Christus, König und Herr“ folgte. Der feste Rahmen der Gruppenstunden wurde also von christlichen Traditionen gebildet, in dessen Mitte sich das bunte Pfadfinderleben dann abspielte.

Etwas Besonderes war die Bibelarbeit, die etwa in jeder dritten Gruppenstunde gehalten wurde. Jeder der Jungen war einmal an der Reihe, egal wir alt er auch sein mochte, und hatte bis zur nächsten Bibelstunde Zeit, um sich vorzubereiten. Diese Zeit brauchte man in der Regel auch, denn nach der Lesung folgten immer ein paar eigene Worte und Gedanken zur jeweiligen Textstelle. Wusste man einmal nicht weiter oder fiel einem wenig ein, so fragte man bei dem Gruppenführer um Rat, der meistens einen Einfall oder eine Idee zur Verbesserung hatte und so – vor allen Dingen den Jüngeren – manches Mal unter die Arme greifen konnte. In der Regel nahm ein Gruppenführer die christliche Erziehung „seiner“ Jungen sehr ernst, doch auch für ihn war die Vermittlung evangelischer Werte eine Selbstverständlichkeit, die einfach zur Arbeit der CP dazugehörte. Auch auf Fahrten fand diese Bibelarbeit statt, je nach dem, mit wem man gerade unterwegs war. Manche der Jungen begeisterten sich für diese kleinen Andachten, andere wiederum ließen lieber ihren Kameraden den Vortritt.

Setzte man sich am Abend zum gemeinsamen Singen zusammen, so wechselten sich kirchliche Lieder mit wilden Fahrten– und Vagabundengesängen ab. In dem handgeschriebenen Liederbuch, das jeder der Jungen zu seinem Pfadfindergut zählte, stand auf der ersten Seite in der Regel das Bundeslied der CP, doch das nächste Lied war mit Sicherheit ein geistliches.

Auch die ebenfalls handschriftlichen Probenbücher – die jeder aufgrund der Erzählungen seines Gruppenführers, jedoch ohne eine Vorlage erstellte – zeugen davon, wie die christlichen Pfadfinder sich selbst wahrnahmen. In einem Text über die CP-Lilie heißt es:

„Sie wird durch das Kreuz zusammengehalten. Die Pfadfinder sollen sich verbunden fühlen. Die Pfadfinder sind am Blattende vereint und streben über das Kreuz, welches Christi Kreuz von Golgatha ist, über das wir alle gehen müßen, dem Himmel, und somit Gott zu… Das Kreuz hält die drei Blätter (die Pfadfinder) zusammen.“

Oldenburg 2003, Gesa Neugebauer

Chaotische Lebenslust

Der VCP-Oldenburg hat mich gebeten, in meinem Leben „zurück zu blättern“ und mich an den Beginn der Christlichen Pfadfinderschaft vor nunmehr 52 Jahren in Oldenburg zu erinnern. Das ist keine leichte, aber eine sehr angenehme Aufgabe. Aus dem Dunkel der Erinnerung treten Vorbilder meiner jungen Jahre hervor: die Brüder Finckenstein, Gerhard Hönsch, Klaus „Rosine“ Rosinowski und andere Gründer der CP-Arbeit in Oldenburg. Sie waren nur wenige Jahre älter als ich, aber ihre selbstbewusste, kameradschaftliche, der Zukunft zu gewandte Haltung hat auf mich und viele andere „Frischlinge“ einen gewinnenden und anspornenden Eindruck gemacht.

Die Pfadfinderarbeit fand „draußen“ und im Haus der Jugend in der Huntestraße statt, aber nicht nur da entfalteten sich die Kräfte der ersten Nachkriegsgeneration. Jazz-Musik hören am Philosophenweg, wo die Finckensteins wohnten, Kontakte zur Evangelischen Jugend und zu Pastor Gerhard Orth, der Generationen von jungen Oldenburgern geprägt hat, der Blick über den Tellerrand der eigenen Familie, der eigenen Schule, des eigenen Milieus – all das und vieles mehr gehörte zu den Highlights im Leben des „hungrigen“ jungen Menschen der damaligen Zeit.

Und das „hungrig“ darf man durchaus doppelt verstehen: Der Weltkrieg mit seinen Schmerzen, Verlusten und Erschütterungen lag ganze sechs Jahre zurück, die Entbehrungen im Alltag waren in vielen Familien noch groß und dazu gehörte, dass ein Pfadfinder, der schon mal 130 Kilometer am Tag mit dem Rad zu Jugendherbergen im Wiehengebirge oder Pfadfinderlager in der Lüneburger Heide strampelte und auch sonst körperlich sehr aktiv lebte, eigentlich immer „Kohldampf“ hatte. Aber es gab auch einen seelischen Hunger, dessen Ursache der ganz junge Mensch noch nicht verstand: Die Nazi-Diktatur und die jahrelange Entmenschlichung so vieler Existenzen hatten ein seelisches Vakuum, ein geistiges Loch, hinterlassen, das erst langsam wieder gefüllt werden musste. „Jesus Christus, König und Herr, Dein ist das Reich, die Kraft die Ehr, gilt kein anderer Name, heut und ewig Amen“. Auch wir ganz jungen, die noch nicht wussten, was in deutschem Namen für Unrecht geschehen war, sangen dies Lied mit besonderer Inbrunst, die Älteren schon mit geschichtlichem Bewusstsein. „Herr/Reich/Ehr“, was war mit diesen Worten für Schindluder getrieben worden! Der elfjährige Realschüler Heinz Brockert, der 1951 vom Rektor Hönsch angesprochen wurde, ob er nicht in der Pfadfindergruppe seines Sohnes Gerhard mitmachen wolle, hatte in dem Sinne keinen besonderen Ehrbegriff, aber er hatte eine warmherzige christliche Erziehung in der nach Oldenburg verschlagenen Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen erlebt.

Er konnte sich auch unter einem „Reich“ nichts vorstellen, sein „Reich“ war in erster Linie die alte Dragonerkaserne an der Bremer Straße, ein Flüchtlingslager. Und er hatte in dem Sinne auch keinen „Herrn“ über sich. Der Vater war in Kriegsgefangenschaft verstorben, die meisten Männer in der Familie „nicht heim gekehrt“, wie man damals den Soldatentod schönfärberisch umschrieb. Entwicklungsraum für eine ganze Jungen-Generation, die sich neue Väter suchen musste und froh war, wenn vertrauenswürdige ältere „Brüder“ sie ein bisschen führten. Das waren unsere Pfadfinder“führer“ damals. In der heutigen Soziologie wird das unstrukturierte Nachkriegsleben der damaligen jungen Generation nicht nur negativ beurteilt. Große Bereiche des Alltags waren ein einziger „Abenteuerspielplatz“. Ein Flüchtlingslager war eben nicht nur diskriminierend, sondern ein herrlicher Entwicklungs- und Experimentierort. 48 Familien auf drei Stockwerken in der Dragonerkaserne mit einer ungezählten Zahl von „natürlichen“ Spielkameraden: Was für eine Dynamik entfaltete sich da. Konflikte mussten ausgetragen werden: Wer hatte eine Hose von der Wäscheleine geklaut? Wer poussierte (heute: flirtete) mit wem und stach dabei die anderen aus? Wer wurde aufgestellt, wenn die Haus-Fussballmannschaft gegen ein anderes Team auf dem Platz hinter der Kaserne antrat? Wer musste die Scheibe ersetzen, wenn eine eingeschossen wurde oder der Ball auf Nimmerwiedersehen durch einen kapitalen Schuss über die Dächer der angrenzenden Häuser verschwand und dort blitzschnell von anderen Jugendlichen einkassiert wurde? Durfte man beim Schrott-Sammeln und -Verkaufen auch mal etwas „abmontieren“? Und wie reagierte der christlich geprägte junge Mensch, der solches „Organisieren“ (wie der gängige Ausdruck dafür lautete) mitbekam, darauf? Verpetzen???

Eine geradezu chaotische Lebenslust, die sich bei vielen Jungen entlud (ich habe diese Jahre hauptsächlich quatschend, singend, prügelnd, angeberisch oder ängstlich in munterer Abwechslung auftretend in Erinnerung), wurde in der Pfadfindergruppe „kanalisiert“, ohne dass jemand bewusst an der Schraube drehte. Es gab in dem Sinne auch keinen Gruppenzwang (so weit ich mich erinnere), aber man bemühte sich doch bestimmte Vorgaben der Pfadfinderei einzuhalten, Prinzipien zu leben, das Vertrauen der anderen nicht zu gefährden. Ein Pfadfinder trug damals kurze Lederhosen oder Cordhosen, aber keine Jeans. Warum das so war, weiß ich nicht, aber es war so. Als Ring für das Pfadfindertuch hatten fast alle einen goldenen Metallring, aus einem Rohr gesägt und entsprechend geputzt. Warum? Ich weiß es nicht. Mädchen und Jungen in einer Gruppe – undenkbar. Warum? Mädchen lebten aus damaliger Jungen-Sicht auf einem anderen Stern…

Gruppenstunden: Mir ist bis heute nicht klar, warum wir so viele Knoten lernen mussten, man brauchte auf Fahrten nur einige wenige. Aber es war ein unbestrittenes Ritual und spielte bei Pfadfinderprüfungen eine wichtige Rolle.

Orientierung im Gelände, Umgang mit Kompass und Konstellation der Sterne – spannend, aber wann haben wir es wirklich gebraucht? In Erinnerung geblieben ist mir eine Anweisung des Gruppenleiters, die auf folgendes hinaus lief: „Wenn Du Dir einen Baum unter mehreren in der Landschaft als Fixpunkt merkst, solltest Du ihn nicht durch eine Wolke über ihn identifizieren. Die Wolke wandert weiter und steht bald über einem anderen Baum.“ Stimmt! Bis heute habe ich mir das gemerkt.

Gruppenstunden: Heitere und ernsthafte Treffen. Die Bibelarbeit musste umschichtig gemacht werden, jeder kam mal dran. Da würde ich gerne die Zeituhr zurück drehen und mir gerne selbst zuhören, was ich als Elfjähriger, Zwölfjähriger wohl aus der Bibel heraus gelesen und meinen Kameraden mitgeteilt habe. Ende der Gruppenstunde: Vaterunser, die Lieder „Jesus Christus König und Herr“ und „Allzeit bereit“, das Pfadfinderversprechen und Pfadfindergruss, bei dem mir immer gefallen hat, dass der Daumen über dem kleinen Finger bedeutet: der Große schütze den Kleinen (ich bin 1,90 Meter groß). Über Monate hinweg geschah es, dass jemand aus der Gruppe bei diesen ernsten Exerzitien lachen musste und die anderen ansteckte. Riesige Schuldgefühle, aber es ging nicht anders. Und wahrscheinlich hat Gott mitgelacht. Er wollte uns vor Frömmelei und falsch verstandenem Unterwerfen unter Autoritäten durch nicht reflektierte Versprechen bewahren (die Nazi-Zeit lag, wie gesagt, erst kurz zurück).

Unsere Fahrten, ein strapaziöses aber freudiges Unterfangen. Straßen wie die Bundesstraße nach Osnabrück waren noch auf weiten Strecken von Obstbäumen gerahmt. Lieblingsessen neben den morgendlichen Haferflocken aus dem dicken, rußgeschwärzten Gemeinschaftstopf: das in Schlesien so genannte „Himmel und Erde“: Kartoffeln vom Acker „organisiert“ und Äpfel vom Straßenbaum gepflückt und beides miteinander weich gekocht. Übernachtungen im Zelt (ohne Luftmatratze) oder in der Kothe (ohne Boden, als Luxus gab es manchmal Stroh vom Bauern). Bei Pfadfinderlagern musste als Erstes ein „Donnerbalken“ (Gemeinschaftsklo) ausgehoben und aufgebaut werden. Dabei galt es die tragenden Stämme mit einem Mastwurf-Knoten zu verbinden. Den kann ich bis heute.

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