90’er

Chronik           90ér              80ér             70ér                 60ér                      50ér


Ein Stamm wird geboren

Die Gründung des VCP-Stammes Kranich

Am 04. Dezember 1992 wird auf der Ortsversammlung im Gemeindehaus Zietenstraße/Eversten mit der Wahl des Stammesnamens der Stamm Kranich gegründet.

Der Stamm Kranich besteht zu diesem Zeitpunkt aus ca. 40 Pfadfinderinnen und Pfadfindern. Im Stamm gibt es die Meute Artus, die Sippen Oktopus, Lupus und Idefix und den Ranger/Rover-Kreis Edelnuss. Darüber hinaus gibt es weitere „Ältere“, die größtenteils aus den alten Sippen Ikarus, Uranus und teilweise Nautilus kommen.

Die Stammesleitung bilden Olaf Sosath und Rudolf Mönnich.

Wie aber war es zu dieser Stammesgründung gekommen?

Christliche Pfadfinderinnen und Pfadfinder und auch den VCP gab es doch schon viel länger in Oldenburg.

Im Großen und Ganzen war die Stammesgründung sicherlich die Konsequenz eines gewandelten Verständnisses von Pfadfinden. Es gab Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre einen Generationenwechsel im damaligen VCP-Ort Oldenburg. Dieser hat sicherlich die ein oder andere Narbe hinterlassen, mancher hat sich abgewendet, andere kamen hinzu. Eigentlich war diese Neuausrichtung aber genau das, was wir im besten Sinne mit dem Begriff Jugendbewegung umschreiben.

Auch wenn der VCP in Oldenburg ein Kind der 70er Jahre ist, war die Sippenarbeit doch immer eine recht klassische. Es gab Chroniken und Wimpel, man schlief ausschließlich in Kohten und Jurten und alle Sippen des Stammes gaben sich einen Namen, der auf die Silbe -us endete. Zu Pfingsten fuhr man mit dem Bezirk Oldenburg zum PfiLa, man besuchte im Sommer Landes- und Bundeslager und ab und an gab es Gruppenfahrten oder auch mal eine Adventsfahrt.

Nach dem 88er Bundeslager in Ruhpolding wurde es dann langsam stiller. Die Mitglieder der alten Sippe Nautilus, die bis dahin überwiegend die Geschicke des VCP in Oldenburg gelenkt hatten, waren weg. Umzug, Abitur, Studium und Zivildienst führten weg aus Oldenburg und ein Wechsel in der Leitung war nicht bzw. nur unzureichend vorbereitet.

Wie wahrscheinlich immer in solchen Situationen bleiben zwei Gruppen von Leuten zurück. Diejenigen, für die die Pfadfinderei von nun an nicht mehr attraktiv ist und die sich anderen Hobbys zuwenden, und diejenigen, die „Blut geleckt haben“ und auch bereit sind für den Fortbestand der Arbeit Verantwortung zu übernehmen.

Letztere fanden sich also und begannen ihr Verständnis von Pfadfinden zu entwickeln und zu leben.

Nicht ungenannt soll an dieser Stelle der damalige Bildungsreferent des Bezirkes Rüdiger Jürges bleiben, der diese Situation erkannte und in vielen Gesprächen, aber insbesondere mit Fahrten ins nahe gelegene Bekhausen oder Sannum oder im Sommer 1991 ins Altmühltal die Entwicklung unterstützte.

Überhaupt waren es die Fahrten, die es den späteren Stammesgründern angetan hatten. „Mindestens eine Fahrt im Monat“ lautete die Faustregel und so wanderte man durch die Eifel, fuhr Schlauchboot auf der Hunte, mit dem Rad durch Ostfriesland, zum Wandervogelhof nach Reinstorf und auch in die Hohe Tatra. Diese Unternehmungen geschahen oftmals zusammen mit dem Stamm Ichthys aus Bramsche. Die Begeisterung, die diese Form des miteinander auslösten wurde fortan auch auf die Arbeit vor Ort übertragen. Wir sahen unsere Wurzeln im Bündischen, in der bürgerlichen Jugendbewegung und nicht im „Scoutistischen“ oder einer politischen Jugendarbeit.

Dieses Erleben wollten wir nicht nur für uns behalten, sondern wir wollten es weiter geben. Die Sippenarbeit hat jeder Zeit eine hohe Priorität gehabt, weshalb wir von großen „Alterslöchern“ verschont blieben.

Zu diesem gewandelten Verständnis gehörte für uns dann auch die Gründung eines Stammes. Bestimmte Begriffe schienen uns für unsere Form der Pfadfinderarbeit nicht mehr angemessen und die Umbenennung (eine wirkliche Gründung war es ja nicht) von Ort in Stamm war sicherlich die weitreichendste.

Wir überlegten also lange und einigten uns schließlich auf den Namen des Lieblingspferdes des Großherzogs von Oldenburg Graf Anton Günter.

Berlin 2003, Johannes Schrader

Fahrten Ferne Abenteuer

Fahrtenkultur in den 90er Jahren

Es war in der Anfangszeit des Stammes Kranich das – unerreichte – Ideal, durchschnittlich etwa einmal im Monat eine Fahrt zu machen. In den Wintermonaten ging es naturgemäß seltener nach draußen, aber auch im Sommer blieb diese Zahl Utopie. Immerhin wird aber doch jeder, der längere Zeit bei uns war, so einige Nächte in der Kohte oder im Freien verbracht haben.

Wer ging auf Fahrt? Zuerst natürlich die Sippe, für deren Zusammenhalt eine Wochenendfahrt mehr einbringt als viele Sippenstunden; gleiches gilt natürlich auch für Meuten und andere Gruppen. Stammesfahrten gab es auch, allerdings in der reinen Form doch sehr vereinzelt. Öfter schon tat sich der Stamm mit befreundeten Stämmen und Gruppen zusammen und ging gemeinsam auf Großfahrt, nicht zu vergessen natürlich die im größeren Maßstab organisierten Lager wie das Bundeslager oder das Internationale Pfadfinderlager auf dem Bucher Berg. Schließlich sind die Fahrten, die die Älteren alleine machten und die daher eher privaten Charakter hatten, zu erwähnen; hier gab es mitunter auch überbündische Kontakte zu anderen Pfadfinder- und Wandervogelgruppen.

Das Ziel richtete sich nach der Länge: Wochenendfahrten fanden selbstverständlich in der näheren Umgebung statt, während wir ansonsten in erster Linie in Deutschland blieben und Mittelgebirge wie den Thüringer Wald oder das Weserbergland bereisten. Auslandsfahrten führten nach Schottland, Skandinavien und Osteuropa.

In der absoluten Mehrzahl der Fälle waren das Fortbewegungsmittel die Füße (die allerdings zuvor eine Bahn oder einen Bus betreten hatten, um sich in andere Gegenden bringen zu lassen). An zweiter Stelle folgt das Fahrrad, und schließlich wurden auch mehr oder weniger schwimmbare Untersätze wie Kanus oder Paddelboote benutzt.

Und die Fahrten“kultur“? Mir fallen zunächst Äußerlichkeiten ein: Die Kohte, das Kochen auf dem Feuer, natürlich das Singen. Wer sich davon ein Bild machen will, der lese in unserer damaligen „Fahrtenbibel“, Hans von Gottbergs „Fahrten-Ferne-Abenteuer“ nach (allerdings haben wir nie Rentiermoos oder Ameiseneier gegessen…). Aber wohl entscheidender ist die Freiheit, die man auf Fahrt hat: das Fehlen eines Programms und gleichzeitig jeder Langeweile; die Gleichgültigkeit gegenüber dreckigen Hosen und ungewaschenen Haaren; das Übernachten an dem Ort, der einem gerade gefällt; das lange Aufbleiben am Abend und lange Liegenbleiben am Morgen; das Zusammensein mit Freunden. Und last not least: Das ganze ist ein Spiel, das irgendwann vorbei ist und an dessen Ende eine Badewanne mit fließend heißem Wasser steht…

Die Fahrt als gelebtes Christentum

Christliches in den 90er Jahren

Hier steht das Christliche im 1992 gegründeten Stamm Kranich im Mittelpunkt der Betrachtung. Beim Einstieg in das Thema gilt es meiner Meinung nach zu erklären, dass in den Jahren von 1992-1999 der Stamm von anderen geleitet, inhaltlich bestimmt und somit auch christlich akzentuiert wurde als von 2000 bis heute.

Ich selbst bin in der ersten Zeit Wölfling und Sippling, in den letzten Jahren dann Sippenleiter gewesen. Vielleicht gelingt es mir ja, die Vermittlung christlicher Werte für beide Abschnitte zu beschreiben.

Was meine ich überhaupt mit „christlichen Werten“? Was ist „christliche Akzentuierung“? Für mich gehört dazu, Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftssinn Friedenswillen, Glaube an Gott, an Auferstehung, also an ein Leben nach dem Tod, Respekt und Toleranz. Ein Pfadfinderstamm mit christlichem Profil geht, wenn möglich, zu Gottesdiensten, pflegt gewisse Bräuche wie z.B. Tischgebete und wählt bestimmte Lieder in sein Liedgut.

Wenn ich nun den Stamm in den 90er Jahren vor dem Hintergrund dieses christlichen Profils betrachte, dann komme ich zu folgendem Ergebnis:

Es wurden und werden bestimmte der oben genannten christlichen Werte vermittelt, manche jedoch bewusst nicht.

So hat sich im Laufe der Dekade ein gewisses christliches Brauchtum bei uns entwickelt.

Einerseits gestalten wir heute weniger Gottesdienste und besuchen seltener die Kirche als noch vor einigen Jahren. Andererseits halten wir selbst vorbereitete Morgen- und Abendrunden auf Fahrt und Lager für wichtig. Solche Runden zeichnen sich dadurch aus, dass alle im Kreis zusammenkommen und als Denkanstoß Sprüche, Geschichten und Fabeln vorgetragen werden, die in Werte wie Toleranz, Respekt, Mitgefühl konkrete Bedeutung gießen. Wir übernehmen eine Teil des Inhalts eines Gottesdienstes und bringen ihn dann in unsere eigene Form.

Neben diesem Versuch, Abstraktes greifbar zu machen, sind wir gleichzeitig bemüht, tatkräftig zu werden. So engagieren wir uns stark bei der Unterstützung wiederkehrender christlicher Ereignisse oder Feste. Kaum ein Kirchentag, Landeskirchenjubiläum oder Friedenslichtaussendung ohne Pfadfinder aus dem Stamm. Wir sind in erster Linie nicht inhaltlich aktiv, sondern als Helfer.

Ganz besonders hervorheben möchte ich einen christlichen Aspekt unserer „Pfadfinderei“, der für die unter Ihnen/euch, die noch nicht an einer Pfadfinderfahrt in einer Kleingruppe teilgenommen haben, schwer nachzuvollziehen sein könnte. Es ist das Fahrtenerlebnis, die Fahrtenkultur. Während einer Fahrt entwickeln sich bestimmte Prozesse, eine bestimmte Atmosphäre entsteht. Bei allen Widernissen ist man aufeinander angewiesen, gar abhängig.

Diese Gruppendynamik zwingt zur Reflexion des eigenen Handelns, Problemlösungen, Gemeinschaftssinn, Toleranz, Respekt. Ich möchte behaupten, dass eine solche Fahrtenkultur dazu beiträgt christliche Werte zu entwickeln.

Im Anschluss an diese Beschreibungen möchte ich zusammenfassend folgendes festhalten: Wir versuchen jene christlichen Werte weiterzugeben, die unser Zusammenleben sozialer und menschenfreundlicher gestalten. Jedoch bieten wir den christlichen Glauben und das damit verbundene Transzendente nicht als Orientierung im Leben an. Ich denke, dass dieser Umstand von denjenigen Menschen abhängt, die den Stamm leiten und geleitet haben. Unsere Nachfolger werden sich wahrscheinlich auf andere Art und Weise mit dem Christlichen in unserem Stamm auseinandersetzen.

Oldenburg 2003, Simon Kugler

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